Noch nach dem l. Weltkrieg war eine Taschenuhr des Kaisers Napoleon im Besitz einer Schierlinger Familie. Es war eine große, kräftige und schön gebaute silberne Spindeluhr aus der Werkstatt eines Pariser Uhrmachermeisters. Wie sie nach Schierling kam, soll hier genau so berichtet werden, wie es die ehemalige Eigentümerin selbst erzählt hat:
Am Tage vor der Schlacht von Eggmühl ging der 17jährige Simon Deiß von Schierling nach Dünzling. Als er ein gutes Stück im Walde war, wurde er plötzlich von französischen Reitern angehalten. Sie wollten den jungen Mann ohne viel Federlesens erschießen, denn sie hielten ihn für den Spion, den zu suchen sie ausgeschickt worden waren. Auf den Simon nämlich traf die ihnen mitgeteilte Personalbeschreibung so ziemlich zu. Während der kurzen Exekutionsvorbereitungen nahte eine weitere Reiterkavalkade. Napoleon erschien persönlich hoch zu Ross und ließ sich berichten, was hier vor sich ginge. Da man den wirklichen Spion bereits kurz vorher festgenommen hatte, befahl Napoleon, den Burschen loszubinden und nahm Simon als ortskundigen Wegweiser auf dem kürzesten Weg nach Sanding mit, den er ohne sicheren Führer nicht zu finden glaubte, wollte er nicht in die Hände österreichischer Reiterpatrouillen fallen. In Sanding überreichte der Kaiser dem verängstigten Simon seine eigene Taschenuhr als Schmerzensgeld für den ausgestandenen Schreck und als Dank für die sichere Führung. Simon überstand alle Kriegswirren und die Uhr vererbte sich weiter in der Familie Deiß, die von einem Kunstschreiner ein zierliches Schränkchen anfertigen ließ, um darin das kostbare Geschenk Napoleons aufzubewahren.
Anmerkung:
Die Geschichte erzählte der 1973 verstorbene Uhrmachermeister Hans Herzog. Er kannte die Uhr und beschrieb sie als Fachmann. Weiter fügte er an: „Heute (bezieht sich in etwa auf das Jahr 1963) lebt noch ein einziger Nachkomme des Simon Deiß, zwar auch schon im Greisenalter und weit weg in Westdeutschland. Die Uhr ist sein größter Schatz, eine kostbare Erinnerung an schwere Zeiten und daran, wie sein Urgroßvater einmal knapp dem Tode entrann. Ich könnte seinen Namen und seine Adresse nennen, doch wozu? Soll ich ihm einen Schwärm von Raritätensammlern auf den Hals schicken?“
Das herbe Erlebnis des Simon Deiß und das Uhrengeschenk als versöhnlicher Abschluss sind unbestrittene Tatsachen. Trotzdem birgt der Bericht eine Ungereimtheit: Napoleon, der nach der Schlacht bei Abensberg dem geschlagenen General Hiller nachsetzte, konnte zum angegebenen Zeitpunkt nicht durch den Wald vor Dünzling reiten. Der vermeintliche Napoleon scheint ein französischer General gewesen zu sein.